Adventskalender 2020

Hmpf!

»Sehr geehrte Damen und Herren, leider können wir unsere Reise aufgrund eines Unwetters nicht fortsetzen«, hallte die Durchsage noch immer in Elinas Ohren wider. »Wir danken für Ihr Verständnis.«

Das Verständnis der Studentin hielt sich in Grenzen, nachdem ihre Wochenendpläne so kurzfristig durchkreuzt worden waren. Zumindest war sie nicht in einer fremden Stadt gestrandet und konnte einfach zurück in ihre WG.

»Hmpf! Hmpf!«

›Was zur Hölle?‹, dachte Elina, als sie die Studenten-WG betrat.

Die eigenartigen Geräusche aus dem Zimmer ihrer Mitbewohnerin vertrieben den Ärger über den eingestellten Zugverkehr. Stattdessen gewann die Neugier die Oberhand und während Elina ihre Schuhe auszog und zusammen mit dem nassen Mantel an der Garderobe verstaute, spitzte sie die Ohren.

»Hmpf! Hmpf!«

»Alles okay bei dir?«, rief Elina, während sie durch den Flur zu Luisas Zimmertür lief.

Daran war ein Zettel geklebt: ›Viel Spaß, Süßer!‹

»Luisa?‌ Alles in Ordnung?«

»Hmpf! Hmpf!«

»Ich komme rein!«

Im ersten Moment war Elina geschockt, ehe sie sich vor Lachen schüttelte. Ihre Mitbewohnerin hatte sich nur mit einem Bikini aus Zuckerperlen bekleidet selbst ans Bett gefesselt. Ein roter Ballknebel hinderte sie daran zu sprechen.

»Hmpf!«

»Ich nehme an, der edle Ritter, der die Prinzessin retten sollte, konnte heute Abend auch nicht kommen?«, stellte Elina fest, während sie nach Luisas Handy auf dem Nachttisch griff. »Ja, er hat dir vor einer Stunde eine Nachricht geschrieben.«

»Hmpf!«

»Immer mit der Ruhe. Ich mach dich ja schon los.«

Elina konnte sich ihr Lachen noch immer nicht verkneifen, als sie nach der ledernen Fessel an Luisas linkem Handgelenk griff. Sie musste zugeben, dass ihre Mitbewohnerin deutlich unanständigere Dinge in ihrem Besitz hatte, als sie geahnt hatte. Die Lederfesseln an Hand- und Fußgelenken sahen professionell genug aus, um davon auszugehen, dass es keine spontane Idee gewesen war.

Elina konnte sich bereits vorstellen, dass Luisa im Nachgang alles abstreiten würde und diese Erkenntnis rief Erinnerungen an einen gemeinsamen Besuch in der Therme hervor.

Die beiden Studentinnen hatten sich gemeinsam in einer Kabine umgezogen und als Luisa fertig war, hatte sie ein Foto von sich im Bikini gemacht, um es per Instagram mit all ihren Freunden zu teilen. Dabei war ihr nicht aufgefallen, dass Elina noch immer splitternackt im Hintergrund zu sehen war. Das war jedenfalls die Erklärung von Luisa für das vermeintliche Missgeschick gewesen.

Bis die beiden Frauen nach drei Stunden die Therme wieder verlassen wollten, war das Bild natürlich mehrfach geteilt und heruntergeladen worden. Luisas Freude über die tollen Klickzahlen stand Elinas Entsetzen gegenüber. Auf deren Handy waren ebenfalls zahlreiche Benachrichtigungen eingegangen. Insbesondere von männlichen Kommilitonen, die niveaulose Kommentare zu dem Foto hinterlassen hatten.

»Du musst das sofort löschen!«, hatte Elina panisch gefordert.

»Aber soviel Klicks und Likes hatte ich noch nie auf einem Bild«, war Luisa Antwort gewesen. »Jetzt hat es eh schon jeder gesehen.«

Erst auf Elinas wiederholte Forderungen hin hatte Luisa das Foto gelöscht, doch da war das Kind längst in den Brunnen gefallen.

Das Bild selbst hatte Elina noch immer ganz genau vor Augen. Im Vordergrund grinste Luisa gut gelaunt in die Kamera und präsentierte den knappen, smaragdgrünen Bikini. Elina stand auf der linken Seite im Hintergrund etwas vorgebeugt. Dadurch hingen ihre Brüste leicht nach vorn und obwohl Elina alles andere als dick war, bildete die Haut an ihrem Bauch leichte Röllchen, unter denen sich das nur minimal gestutzte Schamhaardreieck zeigte. Der Spitzname Yeti verfolgte Elina seitdem an der Uni.

»Vielleicht wird es Zeit, dass du mal etwas von deiner eigenen Medizin kostest«, stellte Elina fest. »Kannst du dich noch an unseren Ausflug in die Therme erinnern? Und an das Foto, dass du aus Versehen mit der ganzen Welt geteilt hast? Wäre doch echt blöd, wenn jemand von deinem Missgeschick erfährt.«

Luisa sah ihre Mitbewohnerin für einen Moment verwirrt an, dann wandelte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wusste ganz genau, wovon Elina sprach.

»Hmpf!«

»Was denn? Dann hast du ein neues Bikinifoto für Instagram«, schlug Elina vor und ließ die Fesseln genau da, wo sie waren. »Oder hast du etwa keine Lust, die nächsten Wochen und Monate immer und überall Zuckerpuppe genannt zu werden? Findest du das besser oder schlechter als Yeti

»Hmpf!«

»Am besten, wir machen erst einmal ein paar Erinnerungsfotos«, stellte Elina beiläufig fest. »Und wenn wir dazu dein Handy nehmen, kannst du es direkt mit allen teilen.«

Ohne, dass Luisa etwas dagegen machen konnte, führte ihre Mitbewohnerin das besagte Handy zur rechten, gefesselten Hand und drückte den Daumen auf den Fingerabdrucksensor. Umgehend war das Smartphone freigeschaltet, sodass Elina tun und lassen konnte, was sie wollte.

»Bitte recht freundlich!«, meinte sie und fing an, Fotos von der gefesselten Luisa zu machen.

Diese drehte demonstrativ ihren Kopf zur Seite, doch sie wusste selbst, dass das wenig helfen würde, um nicht auf den Bildern erkannt zu werden. Die Vorstellung, dass alle Kommilitonen sie quasi nackt sehen würden, ließ es Luisa eiskalt den Rücken runterlaufen.

»Oh, bevor ich es vergesse«, kam es plötzlich von Elina. »Du solltest deinem Freund schon antworten und zeigen, was er verpasst.«

Beim Wort zeigen war Luisa hellwach. Sie wandte ihr Gesicht wieder Elina zu und sah mit Entsetzen auf den Bildschirm ihres Handys. Ihre Mitbewohnerin hatte eine Nahaufnahme des Intimbereichs direkt an ihren Freund geschickt. Zwischen den bunten Reihen aus Zuckerperlen waren die komplett rasierten Schamlippen problemlos zu erkennen.

»Schade, dass es dieses Wochenende nicht klappt. Dabei hatte ich extra was zum Naschen vorbereitet«, stand darunter.

»Hmpf!«

»Na ist doch so, oder nicht?« Elina grinste von einem Ohr zum anderen. »Schickt ihr euch eigentlich regelmäßig Nacktfotos?«

»Hmpf!«

»Mein Fehler. Ich kann ja einfach nachschauen.« Bevor Elina dazu kam, den bisherigen Nachrichtenverlauf zwischen Luisa und ihrem Freund zu durchstöbern, schickte letzterer bereits eine Antwort. »Aber hallo! Verstecken muss er sich aber nicht.«

»Hmpf!«

»Natürlich darfst du auch einen Blick darauf werfen«, meinte Elina amüsiert und hielt Luisa das Smartphone erneut direkt vor die Nase. »Du solltest das Teil aber auch so schon ganz gut kennen.«

Das beste Stück von Luisas Freund prangte quer über den ganzen Bildschirm. Darunter war ein kurzer Text, wie gern er jetzt etwas naschen würde. Elinas Grinsen wurde immer breiter, während Luisas Gesichtsfarbe noch intensiver wurde.

»Was schreiben wir denn da zurück?«, stellte Elina eine rhetorische Frage, denn im nächsten Moment tippte sie bereits und ließ Luisa an ihren Gedanken teilhaben. »Ich hätte ihn so gern in mir gespürt. Streichelst du ihn ein bisschen für mich.«

»Hmpf!«

»Ich denke dabei die ganze Zeit an dich«, las Elina die nächste Antwort, die umgehend zurückkam, vor. »Ist er immer so schnell beim Antworten?«

»Hmpf!«

»Na gut, sicher wartet er auf eine Antwort. Hmmm … Oh ja! Was würdest du jetzt am liebsten mit mir anstellen, wenn du mich fast nackt und gefesselt auf dem Bett vor dir liegen hättest?«

Luisa stellte ihren sinnlosen Protest vorerst ein und funkelte Elina stattdessen mit einem bösen Blick an.

»Was denn?«, gab diese zurück. »Gib doch zu, dass du es auch wissen willst. So ein bisschen Überraschungsmoment wäre doch noch dabei gewesen, hm? Oder spult er nur ein Standardprogramm ab? Darf er nichts anderes?«

Die gefesselte Mitbewohnerin drehte ihren Kopf erneut demonstrativ zur Seite, als wollte sie der Situation so entkommen, doch das ließ Elina nicht zu. Sie schoss weitere Bilder. Anschließend öffnete sie Instagram und bereitete einen Post vor.

»Meinst du, das geht so?«, wollte sie von Luisa wissen.

»Ich warte vergebens auf meinen Ritter mit der langen Lakritzstange, der mich vernascht«, stand unter dem Bild, auf dem Luisa von Kopf bis Fuß zu sehen war.

»Hmpf!«

»Du redest ja wieder mit mir«, freute sich Elina. »Welche Hashtags sollte man da einfügen, damit es möglichst viele Klicks und Likes bekommt?«

»Hmpf!«

»Was hast du denn auf einmal? Ich dachte, das sei das Allerwichtigste.«

Dieses Mal hätte Elina schwören können, unter dem Knebel ein »Fick dich!« gehört zu haben.

»Okay, Vorschlag zur Güte«, meinte sie daraufhin. »Wenn du jetzt ordentlich mitspielst und brav in die Kamera lächelst, lade ich keins von den Fotos hoch.«

Luisa warf ihrer Mitbewohnerin einen skeptischen Blick zu, aber welche Wahl hatte sie? Anstatt sich wieder wegzudrehen, sah sie Elina direkt an und versuchte, so gut es unter dem Knebel möglich war, zu lächeln. Dieses Lächeln verging ihr jedoch kurz, als ihre Mitbewohnerin zum eigenen Handy griff, um weitere Fotos zu schießen.

Elina machte eine große Zahl von Fotos. Dabei wechselte sie zwischen Bildern, die Luisa komplett zeigten, und Nahaufnahmen. So wie das Höschen dem haarlosen Intimbereich kaum Blickschutz bot, waren auch die beiden Körbchen des Bikinioberteils besonders gut geeignet, um möglichst viel von den harten Brustwarzen preiszugeben.

Während der Fotosession gab Luisas Handy immer wieder einen lauten Ton und ein kurzes Vibrieren von sich. Als Elina jedes Detail der peinlichen Situation mit dem eigenen Handy fotografiert hatte, griff sie wieder zum Gerät der Mitbewohnerin. Die schiere Anzahl an anzüglichen Nachrichten und nicht jugendfreien Fotos, die Luisas Freund gesendet hatte, ließen sie breit grinsen.

»Er will alle Perlen abknabbern, bis du komplett nackt vor ihm liegst, und dann mit seiner Zunge zwischen deinen Beinen weiter schlecken«, fasste Elina die ersten Nachrichten zusammen. »Echt jetzt? Wer sagt denn bitte schön schlecken

»Hmpf!«

»Na gut, ich lese einfach mal weiter.« Elina grinste kurz und wechselte dann in eine tiefere Stimmlage. »Dann drehe ich dich auf den Bauch und nehme dich von hinten, bis dein Stöhnen deine frigide Mitbewohnerin rot werden lässt.«

Luisa schluckt und sah zur Seite.

»Interessant«, meinte Elina. »Ist er zu der Einschätzung von allein gekommen oder hast du etwas nachgeholfen? Ach ja, und so von frigider Mitbewohnerin zu sexy Zuckerpuppe, bevor ich rot werden könnte, seid ihr zwei meist schon fertig.«

Nachdem Elina den kompletten Nachrichtenverlauf auf ihr eigenes Handy weitergeleitet hatte, setzte sie sich auf das Bett ihrer Mitbewohnerin. Zu deren Freude machte sie sich nun endlich daran, die Fesseln nacheinander zu lösen, bis Luisa frei war.

»Das wirst du mir büßen«, waren ihre ersten Worte, kaum dass der Ballknebel den Mund verlassen hatte.

»Ich würde eher sagen, dass wir quitt sind, was die peinlichen Fotos betrifft«, stellte Elina achselzuckend fest. »Bleibt immer noch der Punkt, dass du mein Nacktfoto online gestellt hast und selbst noch nicht öffentlich gedemütigt wurdest.«

»Ich wurde in der letzten halben Stunde genug von dir gedemütigt«, entgegnete Luisa. »Raus aus meinem Zimmer!«

»Selbstverständlich«, meinte Elina. »Dann kann ich direkt in mein Zimmer gehen und ein paar Bilder online stellen. Sag mal, habt ihr auch so eine Klassengruppe vom Abijahrgang auf Facebook?«

»Du hast gesagt, wenn ich bei den Fotos mitmache, lädst du keins hoch!«

»Da wusste ich auch noch nicht, dass du durch die Gegend läufst und dummes Zeug über mich erzählst.«

»Ja meine Fresse! Entschuldigung. Kommt nicht wieder vor.«

»So aufrichtig und ernst gemeint«, gab Elina mit einem Augenrollen zurück. »Ich glaube wirklich, dass du mal sehen solltest, wie das ist, wenn sich alle über deinen nackten Körper lustig machen.«

»Du musst nicht von dir auf andere schließen«, entgegnete Luisa. »Sie haben sich über deinen Körper lustig gemacht.«

»Oh, na wenn das so ist«, gab Elina zurück und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen.

»Es tut mir leid!«, rief ihr Luisa hinterher. »Wirklich! Bitte behalte die Bilder für dich.«

»Unter einer Bedingung«, meinte Elina, die auf dem Absatz kehrtmachte.

»Was für eine Bedingung?«

»Da wir zwei heute Abend eh nichts mehr vorhaben, wirst du in diesem Aufzug erst die Küche und dann das Bad putzen«, forderte Elina. »Inklusive der Toilette.«

»Spinnst du?«

»Du bist eh an der Reihe und wenn du dir dieses Mal Mühe gibst, muss ich nächste Woche nicht wieder doppelt so viel Arbeit reinstecken.«

»Wenn’s dich glücklich macht, meinetwegen. Aber kann ich mir nicht wenigstens was Ordentliches anziehen? Bei dem Teil kann ich ja gleich nackt putzen.«

»Tu dir keinen Zwang an.«

»Bist du ne verkappte Lesbe oder was?«

»Selbst wenn. Dich würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen«, ließ Elina ihre Mitbewohnerin wissen. »Und was ist jetzt? Willst du die Wohnung putzen oder online berühmt werden?«

»Ich mach ja schon«, gab sich Luisa geschlagen.

»Und mach es ordentlich.«

Elina ging gut gelaunt in den Flur, nahm ihre Tasche und brachte diese in ihr Zimmer. Dort ließ sie sich aufs Bett fallen und dachte darüber nach, welches Glück das Unwetter und der eingestellte Zugverkehr doch waren. Von nun an würde ein anderer Wind in der WG wehen.


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