Eine zweite Chance

Mit jedem Schritt zum vorderen Rand der Bühne wurde Paulina nervöser. Mehrere Jahre Schauspielerfahrung im Rücken halfen der Mittdreißigerin dieses Mal nicht. Zu groß war der Wunsch, mit der Regisseurin, die sie aus der dritten Reihe kritisch betrachtete, zusammenzuarbeiten.

Die hagere Frau mit den grauen, kurzen Haaren war eine Legende und wurde von Paulina seit einer gefühlten Ewigkeit verehrt. Schon einmal hatte sie für eins ihrer Stücke vergeblich vorgesprochen. Dieses Mal musste es klappen.

»Fühlen Sie sich der Rolle gewachsen?«

Keine Begrüßung. Direkt die erste Frage.

»Ich denke schon«, gab Paulina nervös zurück.

»Sie denken schon?« Augenrollen. »Ich habe hier eine Hauptrolle zu besetzen. So wird das nichts. Die Nächste!«

»Warten Sie!« Paulina sah die Regisseurin eindringlich an. »Ich bin die perfekte Besetzung.«

»Ist das so?«

»Ja.«

»Dann ist Ihnen sicher nicht entgangen, dass die Hauptfigur im dritten Akt eine …«

»Eine Nacktszene hat«, vollendete Paulina. »Ja, ich weiß.«

»Können sie das?«

»Ja.« Paulinas Stimme war nicht so sicher, wie sie es sich gewünscht hätte.

»Haben sie schon einmal eine Nacktszene gespielt?«

»Nein.«

»Ziehen sie sich aus.« Ein wissendes Lächeln huschte über das Gesicht der Regisseurin, als Paulina zögerte. »Was ist? Heute sind es nur ein paar Assistenten, zwei Bühnenarbeiter und ich. Bei Vorstellungen werden es 800 Zuschauer sein. Jedes Mal.«

Noch ein tiefes Durchatmen und Paulina griff den Bund ihres T-Shirts. So schnell es ging, entledigte sich die Mittdreißigerin ihrer Klamotten. Dann stand sie splitternackt auf der Bühne.

»Hübsch«, war die knappe Reaktion.

»Danke.«

»Nun würde ich Sie bitten, mir einen Kaffee zu holen«, erklärte die Regisseurin und nachdem sich Paulina suchend umgesehen hatte, ergänzte sie: »Vom Kaffeestand im Foyer. Sagen Sie einfach, dass der Kaffee für mich ist.«

»Ich soll …«, fing Paulina an.

»Ist das ein Problem? Ein Kaffeeverkäufer und vielleicht eine Besuchergruppe, der sie nackt über den Weg laufen könnten?«

»Nein. Natürlich nicht.«

Mit wackligen Schritten lief Paulina von der Bühne, durch den Saal und ins Foyer.

Splitterfasernackt.


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